Freitag, 17. August 2007

Leseförderung beginnt schon bei den Kleinsten

Eine der sichersten Möglichkeiten, in einer größeren Runde Reaktionen von ungeahnter Bandbreite hervorzurufen, ist die Feststellung, Sie würden bereits Ihrem Baby Geschichten vorlesen. Sofern es sich nicht um einen Kreis pädagogisch geschulter Menschen handelt, werden die meisten Anwesenden im günstigsten Fall mit Kopfschütteln oder einem mitleidigen Lächeln reagieren. Lassen Sie sich nicht irritieren, denn Sie wissen es besser; spätestens beim Schuleintritt werden Sie – und vor allem Ihr Kind - die Früchte Ihrer Förderung ernten !

Das am häufigsten vorgebrachte Gegenargument lautet: „Aber das Baby versteht ja noch gar nichts vom Vorgelesenen !“. Lernen, und zwar speziell das kindliche, funktioniert aber keineswegs nur über das Verstehen von Inhalten. Wenn dem nicht so wäre, hätte es keinen Sinn, in den ersten Lebensmonaten mit dem Kleinkind zu sprechen, nicht wahr ? Wir kommunizieren aber vom ersten Tag an verbal mit unserem Kind und ermöglichen ihm damit die Erfahrung von Geborgenheit beim Hören einer liebevollen, vertrauten Stimme. Ein Kind versteht Worte, lange bevor es selbst spricht, wodurch sein passiver Wortschatz wächst; auch in der weiteren Entwicklung wird dieses „Wortesammeln“ beibehalten, wodurch dann jene Situationen entstehen, in denen man verblüfft aus dem Munde des Kindes beispielsweise Fremdwörter oder auch Fachausdrücke vernimmt, die durchaus nicht dem kindlichen Wortschatz entsprechen, jedoch völlig richtig angewandt und ausgesprochen werden.

Machen Sie aus dem Vorlesen ein Ritual, denn was vom Babyalter an vertraut und für das Kind mit positiven Erfahrungen belegt ist, wird es gerne die nächsten Lebensjahre hindurch beibehalten. Schaffen Sie eine entspannte, ruhige, sanfte Atmosphäre, in der sich alle Anwesenden wohl fühlen; schalten Sie diverse Unterhaltungselektronik aus und sorgen Sie dafür, dass Sie weder durch das Läuten eines Telefones noch durch penetrante Mitmenschen, die meinen, an der Haus- oder Wohnungstüre Sturm läuten zu müssen, gestört werden. Hier geht es um weit mehr als „nur“ Lesen: Ihr Kind erfährt, dass es wert ist, Zeit gewidmet zu bekommen, die ausschließlich ihm gehört, dass es ein wichtiger Bestandteil der Familie ist, der nicht hinter Fernsehen, Computer und mitteilungsbedürftige Nachbarn gereiht wird, sondern in dieser Situation im Mittelpunkt steht. Sie werden sehen, dass auch Ihnen diese rigorose Vorgangsweise gut tut; zunächst vermeint man noch, unbedingt zum Telefon oder zur Tür laufen zu müssen, nach ein bisschen Training jedoch macht sich jedoch eine wohltuende Gelassenheit bemerkbar.

Für die ganz Kleinen eignen sich durchaus auch längere Geschichten, da der Hauptaspekt in diesem Alter beim Klang einer angenehmen Stimme liegt. Parallel dazu empfiehlt es sich, den kleinen Wesen auch bereits Bücher zum Spielen in die Hände zu geben, um die haptische und visuelle Erfahrung „Buch“ machen zu können. Ideal sind hier hübsche, bunte Bücher aus Stoff oder auch Plastik, die selbstverständlich hohe Standards, die Qualität von Material und Verarbeitung betreffend, aufweisen müssen. Stoffbücher sollten waschbar sein, denn spätestens beim Zahnen werden sie in den Mund genommen; Bücher aus Kunststoff sind zwar weniger weich, haben aber den Vorteil, dass sie mit in die Badewanne und ins Planschbecken genommen werden können, worauf auch die offizielle Bezeichnung „Badewannenbuch“ hinweist.

Mit etwa 8 Monaten kann man beginnen, dem Kind auch stabile Bilderbücher aus Karton in die Hände zu geben; in dieser Phase ist es wichtig, diese Bücher gemeinsam mit dem Kind anzusehen und die dargestellten Abbildungen zu benennen – diese Vorgangsweise bereichert den Wortschatz und fördert die Wiedererkennung. Wahrscheinlich wird es auch versuchen, das Buch auf seine Haltbarkeit hin zu überprüfen, was ein Pappbuch im allgemeinen auch aushält, jedoch ist es wichtig, dass das Kind die Erfahrung macht, dass ihm ein Buch, das es zerrissen hat, nicht mehr zur Verfügung steht – wenn die vorhandene Spielzeugmenge überschaubar ist (was sie auch sein sollte), wird es dadurch lernen, dass es Dinge gibt, die behutsam behandelt werden müssen. Erklären Sie Ihrem Kind in einfachen Worten, dass nicht alles beliebig ersetzbar ist; und auch wenn Sie das betreffende Buch nachkaufen können, sollten Sie einige Wochen verstreichen lassen, bevor Sie es dem Kind wieder zu Verfügung stellen.

Im Bereich der Pappbilderbücher finden Sie eine große Bandbreite an verfügbaren Titeln: angefangen bei kleinen, handlichen Büchlein, in denen auf jeder Seite färbig unterlegt ein einzelner Gegenstand oder eine einzelne Figur zu sehen sind, über die beliebten, vorrangig bei Lexikonverlagen erscheinenden kleinformatigen Sachbücher zu bestimmten Themen („Tiere“, „Bauernhof“, „Farben“, „Jahreszeiten“) bis hin zu den großformatigen sogenannten Wimmelbilderbüchern, in denen auf liebevoll und dicht illustrierten Doppelseiten jede Menge spannende und witzige Details zu entdecken sind. Mit diesen können sich etwas größere Kinder auch eine Weile ganz gut alleine beschäftigen, jedoch macht es viel Vergnügen, mit ihnen gemeinsam auf Entdeckungsreise zu gehen. Sie werden staunen, welch genauer Blick fürs Detail Kindern zu eigen ist – dagegen nimmt sich die Wahrnehmung eines Erwachsenen zum Gaudium der anwesenden Kinder äußerst unterentwickelt aus („Mama, siehst du den Schmetterling da auf dem Bild ?“ – Ich seh keinen ... das ist irgendwie ziemlich peinlich ... - „Nein, mein Kind, noch nicht, ich suche noch !“ Spätestens bei dieser Aussage macht sich bei Kindern im Kindergartenalter ein leicht süffisantes Lächeln bemerkbar ... ).

Natürlich gibt es auch hübsche Geschichtenbücher in stabiler Ausstattung, ebenso für Kleinkinder adaptierte und gekürzte Märchen. Kinder mögen auch sogenannte Fühlbücher (manchmal auch als "Fühlbilderbücher" bezeichnet) gerne, deren Seiten mit Fühlelementen, glitzernder Folie und/oder Türchen zum Aufklappen versehen sind; der Überraschungseffekt geht auch nicht verloren, wenn das Fensterchen zum x-ten Male geöffnet wird. Kinder brauchen die Erfahrung, zu wissen, was sie erwartet - ich bin der Ansicht, ein Kind würde sehr erschreckt reagieren, fände es plötzlich hinter einem Aufklapptürchen eine andere als die bereits vertraute Abbildung. Unter diesem Aspekt muss man auch die Tatsache sehen, dass ein Kind manchmal über einen relativ langen Zeitraum hinweg immer wieder die selbe Geschichte vorgelesen bekommen möchte. Auch wenn Sie selber nicht recht wissen, was Ihr Kind an einem bestimmten Text findet – tun Sie ihm den Gefallen und lesen Sie ihn trotzdem, denn mit Sicherheit gibt es darin etwas, woraus Ihr Kind Kraft bekommt oder was es für sich verarbeiten muss. Seien Sie in dieser Situation zurückhaltend, was Kommentare anbelangt – ein achtlos und etwas abwertend ausgesprochenes „Was du an dem Buch findest !“ kann mehr Schaden anrichten, als Sie vielleicht für möglich halten, weil solche Aussagen von Kindern persönlich genommen werden („Papa sagt, das Buch ist blöd, also bin ich wohl auch blöd, weil ich es mag ...“).

Lassen Sie Ihr Kind Vorlesegeschichten auswählen; wenn die Auswahl größer ist und Ihrem Kind die Entscheidung schwerfällt, verkleinern Sie die Auswahl, indem Sie selber drei oder vier thematisch möglichst verschiedene Bücher vorwählen und dem Kind dann die Entscheidung überlassen. Wie sehr Kinder Rituale lieben, zeigt sich daran, dass manche Kinder, denen viel vorgelesen wird, alleine mit der Androhung des Nichtvorlesens in Trotzphasen zur Räson gebracht werden können. Ideal in jedem Alter ist natürlich das abendliche Vorlesen von Gutenachtgeschichten, weil es die Möglichkeit bietet, den Tag friedlich ausklingen zu lassen, weil es schon dem Kleinkind Geborgenheit vermittelt und es auf den Schlaf einstimmt.

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1- Vorwort
2- Leseförderung beginnt schon bei den Kleinsten
3- Der Stellenwert des Buches im Kindergartenalter
4- Warum Problembilderbücher wichtig sind
5- Der große Schritt zum Selberlesen
6- Nicht alles, was glänzt, ist Gold
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